PHILOSOPHIE

Ohne den Blues gäbe es vermutlich keine Rockmusik und auch keinen Jazz! Wer z. B. einmal ein Chuck Berry-Konzert besucht hat, kann die Nähe des Rock'n Roll zum Blues bestätigen. Und jedem, der in den späten 60er und in den 70er Jahren angefangen hat, aufmerksam Rockmusik zu hören, ist bekannt, dass damals viele namhafte Rockmusiker nach dem Vorbild schwarzer Bluesmusiker spielten. Man denke nur einmal an John Mayall, der sich nach eigenem Bekunden beim Mundharmonikaspielen zunächst stark an Sonnyboy Williamson orientierte. Andere prominente Beispiele sind Eric Clapton, die Rolling Stones (die ihren Bandnamen einem Muddy Waters-Blues entlehnt haben) oder in den USA Johnny Winter, Canned Heat oder die Allman Brothers Band, deren erdiger, schwerer Südstaaten-Sound ohne den Einfluss des Blues gar nicht denkbar wäre.

Mit einigem Recht lässt sich der Blues als das Rückgrat der Rockmusik und des Jazz betrachten, wenn es auch nicht jedem heutigen Hörer bewusst sein dürfte. Was wäre – um einen Blick auf den Jazz zu richten – Jimmy Smith ohne den Blues, oder auch Miles Davis, der am Ende seiner Karriere sehr gerne dem (fast) stilreinen langsamen Blues frönte? Heute erleben wir eine Rückbesinnung auf den Blues – die Bedeutung des reinen Blues dringt wieder stärker in das Bewusstsein, und der Blues wird wieder zur Folie stilistisch innovativer jüngerer Musiker. Sicher, B. B. King, Buddy Guy oder der verstorbene Junior Wells hatten immer ihre Hörer, aber es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass es wieder für ein größeres Publikum "hip" ist, sich auf die Bluestradition zu besinnen.

Vielleicht ist es insofern kein Zufall, dass sich die ehemalige Freiburger Band BLOSSBLUEZ nach über 20 Jahren Pause im Jahr 2004 wieder zusammentat, um das alte Konzept unter neuen musikalischen Vorzeichen wiederzubeleben. Die Band sieht den Reiz des Blues in der Kombination von einfacher Form auf der einen und emotionaler Vielstimmigkeit auf der anderen Seite. Mit letzterem ist die Fähigkeit gemeint, gleichzeitig gegensätzliche Gefühle auszudrücken, wie etwa Wut und Trauer oder Schmerz und Freude. Gelungene Bluesnummern sind ja in der Regel nicht nur von einer einzigen Gefühlslage getragen, sondern von einer kaum zu trennenden Mischung von Emotionen. Und Meistern des Fachs gelingt es sogar, über den charakteristischen Ton ihres Instruments oder die Färbung ihrer Stimme diese Vielgestaltigkeit zu transportieren. Allzu leicht erliegen gerade europäische "Blues"-Formationen der Gefahr, sich von der relativ einfachen 12-taktigen Form des typischen Blues verleiten zu lassen und seine eigentümliche Expressivität zu vernachlässigen. Was herauskommt, sind nicht selten "Dampfhammer"-Nummern mit der Zurschaustellung bloßer virtuoser Könnerschaft. Es ist ein wesentlicher Anspruch von BLOSSBLUEZ, diesen Fehler nicht zu begehen und stattdessen den Blues in seiner wahren Komplexität zu erforschen.

Auf der anderen Seite modernisiert BLOSSBLUEZ den Blues im Sinne gegenwärtiger Popklänge. Die Gruppe ist fest davon überzeugt, dass ein Junior Wells oder ein Buddy Guy, falls sie heute anfingen zu spielen, ihre Freude daran hätten, wenn die eigenen Aufnahmen raffiniert gemixt und mit Acid-Elementen angereichert würden. Wohl wissend, was sie den alten Meistern schuldet, richtet die Band ihren Blick nach vorne, auf der Suche nach neuen Formen, mit denen sie der alten Botschaft des Blues Ausdruck verleihen kann.